Am Dienstag, dem 08.04.2003 um 20 Uhr, sprach im Rahmen der Veranstaltungen des Lehrstuhls für Kirchenrecht

Prof. Dr. Joseph Maïla, Paris,

Dekan der Fakultät für Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften des Institut Catholique de Paris (ICP) und Direktor des dortigen Zentrums für Friedensforschung

zum Thema:

 

"Der Einfluss Europas: Der Mittelmeerraum und die Europäische Union"

 

Er führte dabei aus:

 

Auf den Beziehungen zwischen Europa und den Völkern des südlichen und östlichen Mittelmeerraumes lastet das Gewicht der Geschichte und das Fortleben gewisser Vorstellungen. Seit dem ersten Zusammenstoß zwischen den erobernden islamischen Heeren und der Bevölkerung Europas im 8. Jh., über die Eroberung Spaniens seit 711, die Einnahme Konstantinopels 1453, bis zum Fall des Ottomanischen Reiches 1918 war das Aufeinandertreffen der zwei Zivilisationen des Mittelmeerraumes, der europäischen und der islamischen, lärmend und kämpferisch. Dies führte zu dauerhaften Folgen, die durch die mehrfache Kolonisierung des Maghrebs und durch die Präsenz des Westens im Orient verschärft wurden. Die Erinnerung an die Kreuzzüge mit der Einnahme Jerusalems 1099 bis zum Ende des Fränkischen Reiches im Orient 1291 ist allgegenwärtig und andauernd. Die Vorstellungen von diesem Zusammenprall der Zivilisationen sind dort in aller Erinnerung und werden bei jeder Konfrontation und in jedem Krieg wieder geweckt.

Es wäre allerdings zu einfach zu leugnen, dass die europäisch-mediterranen Beziehungen nur von Gewalt beherrscht waren. Aber genau so einfach und falsch wäre es zu denken, dass die Gewalt das einzige Bindeglied zwischen dem Orient und dem Okzident im Mittelmeerraum gewesen ist. Denn schon sehr früh waren die Beziehungen zwischen den beiden Ufern des Mittelmeers durch gegenseitigen Einfluss gekennzeichnet, im Wege des gegenseitigen Handels mit Gütern oder besonders durch den Austausch von Ideen. Aus dem Osten wurde in den Westen die griechische Philosophie Platons und Aristoteles überliefert, studiert und übersetzt von al-Farabi, Avicenna oder Averroes und gelangte so zu Albertus Magnus und Thomas von Aquin. Im islamischen Orient hat man die Synthese von Offenbarung und Vernunft entworfen, die der vorherrschende Grundgedanke der westlichen Philosophie wurde, der dann die Renaissance, die Anfänge des Cartesianismus und die Philosophie der Aufklärung möglich machte. Aus dem islamischen Orient wurden dessen Errungenschaften der Mathematik, der Medizin und der Astronomie übermittelt. Diese Entwicklung sollte am Ende des 13. Jh. zum Stehen gebracht werden. Danach wurde die Geschichte der Völker an den beiden Ufern des Mittelmeeres zu einer Geschichte der Trennung und des Antagonismus. Der Okzident nahm Abschied vom Orient und begann einen Alleingang in Richtung Fortschritt und, langsam, in Richtung Demokratie.

Dieser Alleingang wurde zum Nachteil der Solidarität der Völker und ihres Zusammenlebens. Mit der Zeit hatten sich die Wissenschaft und der wirtschaftliche Reichtum des Westens in einer Art Hegemonie zurückgezogen. Im 19. Jh. wurde der Einfluss des Westens wegen der Schwächung des Ottomanischen Reiches im Osten bestimmend. Die Völker des Orients, die die westliche Zivilisation dank des Feldzugs Napoleons nach Ägypten 1798 entdeckten, wurden von dem Fortschritt der europäischen Gesellschaften geblendet. Sie erhoben sie zum Modell und zum Ideal. Der technische und materielle Fortschritt übte im Orient eine sehr große Faszination aus. Mehr noch galt dies für die ideellen Strömungen, die Organisation der Verwaltung, die politischen Freiheiten, die Staatsbürgerschaft und den Patriotismus. Das waren neue Ideen für den Orient, der versuchte, sich diese anzueignen. So entstanden überall im Orient Emanzipationsbewegungen: des Bürgers, der davon träumte, sich von der Autokratie zu befreien; der Frauen, die eine neue Freiheit suchten; schließlich der Rationalität, die eine bessere Organisation der Gesellschaft anstrebte.

Jede europäische Nation brachte ihren Beitrag ein. Frankreich war besonders attraktiv durch die französische Revolution. Die Freiheit, die Gleichheit und die Brüderlichkeit zogen ihre neue Spur. Großbritannien erregte die Geister durch seinen Sinn für den Handel, durch seine Macht und durch die Feinheit seiner Hofsitten. Italien erbrachte seinen Beitrag durch Kunst und Architektur. Viele Orientalen, vor allem die Christen unter ihnen, studierten in Rom. Der Einfluss des Heiligen Stuhls war bestimmend in der theologischen Erneuerung und der Reorganisierung der mit Rom unierten Kirchen. Auch Deutschland stand nicht beiseite. Obwohl es erst spät im Orient ankam, wurde sein Einfluss für das bessere Verstehen des Orients entscheidend. Die deutsche Orientalistik nahm schrittweise einen ersten Platz ein, die deutschen Gelehrten waren unter den besten. Diese Entwicklung dauert bis heute an. Von Goethe anfangend, der sich dem Orient öffnete bis zu namhaften Orientalisten der Gegenwart wie Bröckelman, Eugen Wirth, Hans-Robert Römer, Martin Graf oder Josef van Ess - die Liste könnte fortgeführt werden - haben viele einen besonderen Beitrag geleistet, um uns den arabischen, türkischen oder iranischen Orient zu erschließen. Wir müssen noch etwas erwähnen: zur Zeit der Österreich-Ungarischen Monarchie hat Metternich eine entscheidende Rolle in diesem Dialog gespielt, als er, vom Westfälischen Frieden inspiriert, Vorschläge für die Trennung der Gewalten, des Befriedens durch die Einführung von "Organischen Artikeln", die das friedliche und pluralistische Zusammenleben der Gemeinden auf den Höhen des Libanons sichern sollte, machte. Für die unmittelbare und gegenwärtige Geschichte ist die deutsch-französische Versöhnung ein zeichenhaftes Modell für jede weitere Versöhnung überhaupt.

Das Schlimmste für Europa überhaupt ist, dass sein Bild als Träger von Kultur vom Bild des Zerstörers der Zivilisation begleitet ist. Weil das Europa des 19. Jh. und der ersten Hälfte des 20. Jh. ein Europa der Eroberung war. Am Anfang des 20. Jh. waren es die europäischen Mächte - vor allem Frankreich und Großbritannien - die die Grenzen im Vorderen Orient gezogen haben. Diese kontradiktorische Wahrnehmung vom Okzident bleibt im Herzen des Orients lebendig und vorherrschend. Deshalb können wir nur mit Traurigkeit an die Konsequenzen denken, die die Kriegsereignisse im Irak im Hinblick auf das Bild vom Anderen haben. Diese Ereignisse kommen, man kann daran nicht zweifeln, hinzu und verstärken die unselige Entwicklung des israelisch-palästinischen Konflikts mit der Idee, dass diese Dynamik der Gewalt, von den Konflikten in Palästina bis zu denen im Irak, jetzt und von Anfang an durch Europa zum Nachteil der Emanzipation der Völker der Region begünstigt wurde.

Europas Identität besteht heute nicht mehr in seinen Nationen, aus denen es zusammengesetzt ist. Es wird auch als eine sich bildende globale Gemeinschaft gesehen. Diese Vorstellung ist zur Zeit dominierend. Das Bild eines friedlichen, sich integrierenden, Kontinents, gekennzeichnet durch die Demokratie, die Achtung der öffentlichen Freiheiten und des Friedens, entwickelt sich langsam aber sicher in die Richtung einer faszinierenden und anziehenden Einheit. Die Völker des mediterranen Orients und Okzidents wünschen sie sich von Herzen. Europa könnte nicht nur eine zivilisatorische Rolle des Gleichgewichts gegenüber der Hegemonie einer einzigen und einseitigen Macht spielen. Sondern die Völker des Mittelmeerraums sind überzeugt und spüren die Kraft des eigenen Modells und haben eine eigene dunkle Vorstellung von dem kulturellen und politischen Bild ihrer Zukunft in der beispielhaften Art ihres eigenen Schicksals.

Prof. Dr. Richard PUZA